Welche Rolle spielt Ernährung in der Onkologie – und wo wird sie unterschätzt?
Ernährung ist ein zentraler Bestandteil der onkologischen Therapie und sollte von Anfang an mitgedacht werden. Sie beeinflusst die Verträglichkeit der Behandlungen und eröffnet dadurch zusätzliche therapeutische Möglichkeiten, die sich auch auf die Prognose auswirken können. Gleichzeitig hilft eine bedarfsdeckende Ernährung dabei, das Körpergewicht möglichst stabil zu halten und vor allem Muskelmasse zu erhalten. Das wirkt sich direkt auf das Wohlbefinden und die Lebensqualität aus, und auch Nebenwirkungen lassen sich besser abfangen. Unterschätzt wird das Ganze vor allem in frühen Krankheitsphasen. Gerade hier wäre es wichtig, Risiken für Mangelernährung rechtzeitig zu erkennen, vorzubeugen und Patientinnen bzw. Patienten früh aufzuklären.


Welche Ernährungsfehler sehen Sie am häufigsten?
Sehr häufig sehen wir, dass Patientinnen und Patienten zu wenig Energie und zu wenig Eiweiß aufnehmen. Das hängt oft mit Appetitverlust oder Nebenwirkungen der Therapie zusammen. Gleichzeitig schränken viele ihre Ernährung zusätzlich ein, weil sie unsicher sind oder Angst haben, etwas „Falsches“ zu essen. Dazu kommen immer noch zahlreiche sogenannte Krebsdiäten, die nicht evidenzbasiert sind und zu starken Einschränkungen führen können. Auch im klinischen Alltag wird Mangelernährung oft zu spät erkannt und entsprechend spät behandelt.


Gibt es Ernährungsformen, die das Tumorwachstum beeinflussen?
Diese Frage kommt sehr oft, und die Antwort ist immer dieselbe: Nein. Wenn es eine Ernährungsform gäbe, die das Tumorwachstum gezielt beeinflusst, würden wir sie sofort empfehlen. Der Wunsch dahinter ist absolut nachvollziehbar, weil viele Patientinnen und Patienten aktiv etwas beitragen wollen. Die Idee, den Tumor durch bestimmte Ernährungsweisen „auszuhungern“, ist aber wissenschaftlich nicht belegt. Was wir hingegen sehr klar wissen: Mangelernährung und insbesondere Tumorkachexie verschlechtern die Prognose und die Lebensqualität deutlich. Deshalb ist es so wichtig, früh aufzuklären und individuell zu begleiten.


Wie beurteilen Sie Trends wie ketogene Diät oder Fasten?
Ich sehe diese Entwicklungen eher kritisch. Für die ketogene Diät genauso wie für das Fasten während einer Chemo- oder Strahlentherapie gibt es aktuell keine ausreichende Evidenz für einen klaren Nutzen im klinischen Alltag. Gleichzeitig besteht das Risiko, dass Patientinnen und Patienten in eine Mangelernährung rutschen, vor allem wenn sie ohnehin schon geschwächt sind. Wenn sich jemand dennoch bewusst dafür entscheidet, ist es mir wichtig, dass diese Person engmaschig begleitet wird und nicht allein damit bleibt.


Was hat sich während der Therapie bewährt?
Was sich im Alltag wirklich bewährt, ist ein sehr pragmatischer Zugang. Viele Patientinnen und Patienten kommen mit kleineren, häufigeren Mahlzeiten besser zurecht als mit klassischen Hauptmahlzeiten. Energie- und eiweißreiche Zwischenmahlzeiten helfen, Defizite auszugleichen. Bei bestimmten Therapien, etwa der Strahlentherapie, sind weiche, milde Speisen oft besser verträglich. Wichtig ist, flexibel zu bleiben und die Ernährung immer wieder an die aktuelle Situation anzupassen. Wenn die normale Ernährung nicht ausreicht, können auch Trinknahrungen sinnvoll eingesetzt werden. Da gibt es inzwischen viele unterschiedliche Produkte, die individuell angepasst werden können, und bei entsprechender Indikation werden die Kosten auch übernommen.


Wie gehen Sie mit Nebenwirkungen bei Patientinnen und Patienten um?
Das ist sehr individuell. Bei Appetitlosigkeit versuche ich zuerst, den Druck rauszunehmen. Es geht nicht darum, perfekt zu essen, sondern überhaupt etwas zu essen. Kleine, regelmäßige Mahlzeiten können helfen, manchmal auch Erinnerungen wie ein Wecker. In dieser Phase sind auch vermeintlich „ungesunde“ Lebensmittel völlig in Ordnung, weil sie einfach Energie liefern.

Bei Mukositis empfehlen sich eher weiche, milde Speisen und kühlere Temperaturen, weil das angenehmer ist. Viele berichten auch über Geschmacksveränderungen, und da hilft oft nur ausprobieren. Manchmal funktionieren stärker gewürzte Speisen besser, manchmal ganz milde. Auch Mundspülungen können helfen, einen unangenehmen Geschmack zu neutralisieren.


Welche Screening-Tools empfehlen Sie?
Im stationären Bereich ist das NRS-2002 ein gut etabliertes Instrument, im ambulanten Setting der PG-SGA SF. Was aber im Alltag oft am meisten bringt, ist etwas sehr Einfaches: das regelmäßige Wiegen und ein Blick auf ungewollten Gewichtsverlust. Ergänzend helfen gezielte Fragen, etwa ob Patientinnen und Patienten zuletzt weniger gegessen haben. Laborwerte sind hier nur eingeschränkt hilfreich.


Wann wird Gewichtsverlust kritisch?
Wichtig ist, zwischen gewolltem und ungewolltem Gewichtsverlust zu unterscheiden. Kritisch wird es, wenn jemand unbeabsichtigt mehr als fünf Prozent seines Körpergewichts in drei Monaten oder mehr als zehn Prozent in sechs Monaten verliert. Das klingt oft wenig, aber bei 60 Kilogramm sind drei Kilogramm bereits ein Warnsignal – und das wird in der Praxis leider häufig übersehen.


Welche Mythen begegnen Ihnen am häufigsten?
Am häufigsten höre ich tatsächlich „Zucker füttert den Krebs“. Solche Aussagen sollte man ernst nehmen und nicht einfach abtun. Es hilft, kurz zu erklären, dass alle Zellen Glukose als Energiequelle nutzen und der Körper den Blutzucker sehr genau reguliert. Eine radikale Einschränkung von Kohlenhydraten trifft vor allem gesunde Zellen und kann zu Muskelabbau und Erschöpfung führen. Hinter solchen Mythen steckt oft der Wunsch, selbst aktiv etwas beizutragen, und genau daran kann man anknüpfen und das in eine sinnvolle Richtung lenken.


Wie stehen Sie zu Nahrungsergänzungsmitteln?
Grundsätzlich gilt für mich: zuerst die Ernährung. Nahrungsergänzungsmittel können in bestimmten Situationen sinnvoll sein, etwa bei einem nachgewiesenen Mangel. Eine routinemäßige Einnahme ist aber nicht empfehlenswert. Besonders vorsichtig sollte man bei hochdosierten Antioxidantien sein, weil es hier zu Wechselwirkungen mit laufenden Therapien kommen kann. Wichtig ist, dass Ärztinnen und Ärzte aktiv danach fragen und das Thema ansprechen.


Ihre drei wichtigsten Empfehlungen?
Wenn ich es ganz einfach herunterbrechen müsste, würde ich sagen: ausreichend essen und trinken, auch wenn es schwerfällt. Eiweiß sollte möglichst bei jeder Mahlzeit dabei sein, weil es für den Muskelerhalt entscheidend ist. Und ganz wichtig: frühzeitig Unterstützung holen und nicht warten, bis es schwierig wird.


Wie kann Zusammenarbeit mit Patientinnen bzw. Patienten und Ärztinnen bzw. Ärzten besser funktionieren?
Der größte Hebel liegt in der frühen Einbindung der Ernährungstherapie, idealerweise schon bei der Diagnosestellung. Wenn man erst eingreift, wenn bereits eine Mangelernährung besteht, ist es oft deutlich schwieriger gegenzusteuern. Gute Kommunikation im Team und regelmäßiger Austausch helfen enorm. Besonders wichtig finde ich, dass Ärztinnen bzw. Ärzte ihren Patientinnen und Patienten aktiv vermitteln, dass Ernährung ein Teil der Therapie ist und nicht nur ein Nebenthema.


Welche Rolle spielt Ernährung nach der Therapie?
Nach der Akutphase rückt die Frage in den Vordergrund, was langfristig hilft. Hier geht es weniger um einzelne Lebensmittel, sondern um ein ausgewogenes, pflanzenbetontes Ernährungsmuster, das gut in den Alltag passt. In Kombination mit Bewegung kann so ein gesundes Körpergewicht erreicht und gehalten werden, was derzeit die am besten belegte Maßnahme zur Senkung des Rezidivrisikos ist.


Welche Entwicklungen sollten Ärztinnen und Ärzte im Blick haben?
Sehr spannend ist aktuell die Forschung zum Darmmikrobiom und seinem Einfluss auf das Therapieansprechen, vor allem bei Immuntherapien. Auch die Rolle der Sarkopenie als Prognosefaktor wird immer klarer. Und natürlich bilden die aktualisierten ESPEN-Leitlinien eine wichtige Grundlage für die Praxis.


Was wünschen Sie sich von Ärztinnen und Ärzte?
Ich würde mir wünschen, dass Ernährung frühzeitig mitgedacht und aktiv angesprochen wird. Dass sie als fixer Bestandteil der Therapie gesehen wird und nicht als Zusatz. Der Nutzen ist gut belegt, und wenn alle Berufsgruppen hier zusammenarbeiten, profitieren am Ende vor allem die Patientinnen und Patienten – und genau darum geht es.