Der aktuell berichtete Ausbruch auf einem Kreuzfahrtschiff betrifft einen speziellen Hantavirus-Typ, das sogenannte Andesvirus, das vor allem in Südamerika vorkommt. Für die Allgemeinbevölkerung in Europa wird das Risiko derzeit als sehr gering eingeschätzt.
Hantaviren: Was man wissen sollte
Warum aus heutiger Sicht kein Anlass zur Sorge besteht
Berichte über Infektionsgeschehen sorgen verständlicherweise rasch für Aufmerksamkeit – insbesondere dann, wenn sie mit schweren Krankheitsverläufen oder internationalen Reisen in Verbindung stehen. Wichtig ist jedoch, solche Meldungen richtig einzuordnen: Hantaviren sind keine neuen Erreger, sie kommen weltweit vor und werden in der Regel durch Nagetiere bzw. deren Ausscheidungen übertragen.
Um die wichtigsten Fragen verständlich einzuordnen, erklärt OÄ Dr.in Lamiss Mejdoubi, MSc, DTM&H, Fachärztin für Klinische Mikrobiologie und Hygiene am Hanusch-Krankenhaus der ÖGK, was Hantaviren sind, wie sie übertragen werden, welche Symptome auftreten können.
- Was genau sind Hantaviren?
Hantaviren sind behüllte RNA-Viren, die weltweit vorkommen. Sie gehören zur Familie der Hantaviridae. Jeder Hantavirustyp ist mit einer spezifischen Nagetierart assoziiert, die als Reservoir dient. Aus diesem Grund ist die geografische Verteilung der verschiedenen Virustypen abhängig von der Verbreitung des jeweiligen Nagetierwirtes. Der häufigste Virustyp in Europa ist das Puumula-Virus. Es wird durch die Rötelmaus übertragen und ist auch in Österreich nachgewiesen.
- Wie verbreiten sich Hantaviren?
Hantaviren werden durch verschiedene Nagetiere übertragen und können zu Infektionen mit schwerem Verlauf beim Menschen führen. Die infizierten Nagetiere erkranken nicht und können Hantaviren über Speichel, Urin und Kot ausscheiden. Diese Viren können dann in der Umwelt mehrere Tage infektiös bleiben. Die Übertragung erfolgt über das Einatmen von infektiösem aufgewirbeltem Staub sowie über Kontakt von Staub mit verletzter Haut. Seltener kommt die Übertragung durch einen Biss oder kontaminierte Lebensmittel zustande. Der Andesvirus ist der einzige Virustyp, der von Mensch zu Mensch übertragen werden kann.
- Welche Symptome können auftreten?
Die Krankheit kann symptomlos verlaufen. Wenn Krankheitszeichen auftreten, sind diese abhängig vom Virustyp. Es kommt bei Symptomen häufig zu Fieber, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen und Magen-Darm-Symptome wie Bauchschmerzen, Übelkeit oder Erbrechen.Zwei schwere Formen wurden beschrieben:
- Bei Hantavirus-Kardiopulmonales Syndrom (HCPS) kann die Erkrankung rasch zu Husten, Atemnot, Flüssigkeitsansammlungen in der Lunge und einem Schock fortschreiten.
- Bei Hämorrhagisches Fieber mit renalem Syndrom (HFRS) können in späteren Stadien niedriger Blutdruck, Blutungsstörungen und Nierenversagen auftreten.
- Wie gefährlich sind Hantaviren?
Das ist abhängig vom Virustyp und von der Schwere des Krankheitsverlaufs. Das in Europa am häufigsten vorkommende Puumala-Virus verursacht in der Regel mildere Verläufe und weist eine geringe Sterblichkeit (unter einem Prozent) auf. Andere Hantavirus-Typen wie etwa das Dobrava-Belgrad-Virus können schwerere Verläufe verursachen und eine Sterblichkeit von bis zu 10 Prozent aufweisen. Beim Hantavirus-Kardiopulmonalen Syndrom (HCPS) wie es durch bestimmte Virustypen in Nord- und Südamerika ausgelöst werden kann, ist die Sterblichkeit deutlich höher und liegt bei bis zu 30 bis 50 Prozent.
- Wie erfolgt die Therapie?
Eine spezifische antivirale Therapie gegen Hantaviren steht derzeit nicht zur Verfügung. Die Behandlung erfolgt symptombezogen durch unterstützend, zum Beispiel durch Stabilisierung des Kreislaufs, Überwachung der Atmung und Behandlung von Komplikationen.
- Was weiß man über den Ausbruch?
Auf dem Kreuzfahrtschiff MV Hondius, das am 1. April 2026 in Südargentinien gestartet ist, wurde ein Ausbruchsgeschehen mit dem Andesvirus festgestellt. Dieses Virus kommt in Südamerika vor und ist jener Hantavirus-Typ, bei dem eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung möglich ist. Bis dato (Stand 11.5.2026) wurden neun Fälle gemeldet, davon sieben bestätigt. Im Rahmen dieses Ausbruchgeschehens kamen bisher drei Menschen ums Leben. Die restlichen Passagiere und Schiffsbesatzung müssen sich in ihren Heimatländern entsprechend den jeweiligen Vorgaben für bis zu 42 Tage in Quarantäne begeben.
- Ich plane eine Reise nach Teneriffa oder Kap Verde – muss ich mir Sorgen machen?
Das Kreuzfahrtschiff MV Hondius dockte am 10. Mai im Hafen von Granadilla auf Teneriffa an. Dort erfolgten unter strengsten Schutz- und Hygienebedingungen die medizinische Versorgung, Evakuierung und Rückführung betroffener bzw. exponierter Personen. Die Passagiere müssen sich einer Quarantäne von bis zu 42 Tagen unterziehen. Die WHO schätzt das Risiko für die Allgemeinbevölkerung in der EU, einschließlich Teneriffa, weiterhin als sehr gering ein. In Kap Verde durfte das Kreuzfahrschiff nicht anlegen, daher besteht auch hier kein erhöhtes Infektionsrisiko.
- Kann daraus eine Pandemie entstehen?
Nach derzeitigem Wissensstand ist das sehr unwahrscheinlich. Der Ausbruch wird durch internationale Gesundheitsbehörden eng überwacht. Durch die strengen Hygienebedingungen, die Isolation betroffener Personen und Quarantäne der restlichen Passagiere und Kontaktpersonen geht man von einer effektiven Eindämmung des Ausbruchs aus.
Zudem verbreitet sich das Andes-Hantavirus im Gegensatz zu COVID-19 nicht leicht von Mensch zu Mensch. Für eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist üblicherweise enger und längerer Kontakt in geschlossenen Räumen erforderlich, wie es eben auf dem Kreuzfahrtschiff war. Außerdem kommt das natürliche Nagetierreservoir für das Andes-Virus in Europa nicht vor. Eine anhaltende Ausbreitung in der Bevölkerung ist daher unwahrscheinlich.
- Wie viele Fälle gibt es in Österreich?
In Europa kommen die Virustypen Puumula-virus und Dobrava-Belgrad-Virus vor. Diese sind in Europa jährlich für tausende Fälle im Jahr verantwortlich. In Österreich wurde bisher nur Puumala-virus nachgewiesen. Im Jahre 2025 wurden 32 Fälle in Österreich gemeldet. Dem Gesundheitsministerium zufolge sind bzw. waren keine österreichische Staatsbürger*innen an Bord des betroffenen Schiffes MV Hondius. Auch enge Kontaktpersonen mit Bezug zu Österreich sind nicht bekannt.
- Wie kann man sich vor Hantaviren schützen?
Derzeit gibt es keine Schutzimpfung. Die Vorbeugung gegen Hantavirus-Infektionen hängt in erster Linie davon ab, den Kontakt mit Nagetieren und ihren Ausscheidungen zu vermeiden. Folgende Maßnahmen sind wichtig:
- In Wohnbereichen (insbesondere Keller, Dachböden, Schuppen usw.) sollten Mäuse und Ratten ferngehalten bzw. bekämpft werden.
- Öffnungen durch die Mäuse oder Ratten in Gebäude oder Häuser gelangen können sollten verschlossen werden.
- Lebensmittel sollten sicher aufbewahrt werden, damit Nagetiere nicht angelockt werden.
- Nagetierkot sollte nicht trocken gekehrt oder mit dem Staubsauger aufgesaugt werden, da dabei infektiöser Staub aufgewirbelt werden kann. Bei Reinigungsarbeiten mit möglicher Staubentwicklung sollten Handschuhe und Atemschutzmaske verwendet werden.
- Beim Umgang mit toten Nagetieren sollten immer Handschuhe verwendet werden.
- Nach möglichen Kontakten mit kontaminierten Materialien ist sorgfältige Händehygiene besonders wichtig.