Er kennt den Druck. Er kennt die Zweifel. Und er weiß, wann aus Theorie echte Verantwortung wird – nämlich dort, wo Ausbildung praxisnah stattfindet: in der Lehrpraxis. Dr. Clemens Vanicek, Allgemein- und Familienmediziner im Ärztezentrum Hainfeld in NÖ, setzt bewusst auf Ausbildung im „echten“ Alltag – weil hier die Ärztinnen und Ärzte von morgen entstehen. Für ihn ist die Lehrpraxis kein Zusatz, sondern ein entscheidender Baustein für die Zukunft der medizinischen Versorgung.
„Ohne Lehrpraxis keine Ärzt*innen von morgen"
Derzeit gibt es rund 915 Lehrpraxen und Lehrgruppenpraxen in Österreich.
Dr. Vanicek spricht darüber, warum es engagierte Ausbilderinnen und Ausbilder braucht, was junge Medizinerinnen und Mediziner wirklich lernen müssen und warum eine starke Partnerschaft dabei unverzichtbar ist.
Warum haben Sie sich für die Kassenpraxis entschieden?
Weil ich erste Anlaufstelle für Anliegen aus verschiedensten gesundheitlichen Bereichen sein will und die kontinuierliche Patient*innenbetreuung sehr schätze. Als Kassenärztin oder Kassenarzt begleitet man Menschen aus allen sozialen Schichten oft über Jahre hinweg, kennt ihre Geschichten, ihre Sorgen, ihr Umfeld. Ich betreue in der Praxis unter anderem komplette Familien – vom Neugeborenen bis zu den Großeltern. Genau das macht für mich den Reiz aus.
Was macht den Beruf für Sie besonders?
Die Vielfalt und die Unberechenbarkeit. Kein Tag ist wie der andere. Der Arbeitsalltag ist eine tolle Mischung aus geplanten Terminen und Akutfällen. Gleichzeitig entsteht Nähe zu den Patientinnen und Patienten, die man so nur in der Allgemeinmedizin erlebt. Durch die gemeinsam erlebte Geschichte, das Wissen über die persönlichen Umstände einer Patientin oder eines Patienten, können Symptome und mögliche gefährliche Verläufe schneller erkannt werden.
Warum engagieren Sie sich so stark in der Ausbildung?
Weil man in der derzeitigen Ausbildung als Ausbildungsärztin bzw. Ausbildungsarzt wirklich „durchhalten“ muss, wenn man sich für die Allgemeinmedizin entscheidet. Die Lehrpraxis kommt erst ganz am Schluss der Ausbildung. Viele hochkompetente Kolleginnen und Kollegen werden vorher von den jeweiligen Krankenhaus-Abteilungen abgeworben, was aus Sicht der Abteilungen nachvollziehbar, aber für die Primärversorgung extrem schade ist und die Allgemeinmedizin in eine schlechte Startposition beim Wettstreit um Nachwuchs bringt. Alle, die so lange durchhalten, sollen mit einer sehr lehrreichen und abwechslungsreichen Lehrpraxis belohnt werden.
Was sagen Sie Kolleginnen oder Kollegen, die überlegen, selbst auszubilden?
Ich kann es nur empfehlen. Man muss automatisch up to date bleiben mit dem eigenen Wissen; man muss sich weiterbilden, um den jungen Kolleginnen und Kollegen die modernsten Behandlungsmaßnahmen vermitteln zu können. Gleichzeitig bekommt man selbst regelmäßig neuen Input, erfährt über neue Entwicklungen in der Ausbildung und bleibt in Kontakt mit der Ausbildungssituation in den Krankenhäusern. Es bereichert die tägliche Arbeit und wird auch von den Patientinnen und Patienten sehr gut angenommen.
Welche Rolle spielt die ÖGK für Ihre Arbeit?
Ich begrüße, dass die ÖGK als Vertragspartnerin auf die Ausbildung junger Medizinerinnen und Mediziner in der Primärversorgung setzt. Ich empfehle allen niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen, bereits im Klinisch-Praktischen Jahr Medizinstudentinnen und Medizinstudenten auszubilden. Es gibt hier auch finanzielle Mittel, die seitens der ÖGK für die Ausbildung zur Verfügung gestellt werden. Das ist ein sehr wichtiges Zeichen, weil die Studentinnen und Studenten auch unbedingt fair bezahlt werden müssen, damit ihre wichtige Tätigkeit auch finanziell wertgeschätzt wird. Die Zeiten von fehlender Wertschätzung gegenüber den Jungmedizinerinnen und Jungmedizinern müssen endgültig vorbei sein.
Ihr Blick in die Zukunft?
Ich blicke optimistisch in die Zukunft. Aber nur für jene Praxen, die mit der Zeit gehen. Wir Praxisinhaber können sehr viel bewirken und gestalten, wenn wir mutig sind und den Fokus auf die Bedürfnisse der Jungärztinnen und Jungärzte legen. Erster Schritt dafür ist, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass gut ausgebildete junge Kolleginnen und Kollegen den Weg in die Primärversorgung finden. Hierfür sind Lehrpraxen ganz entscheidend – ob eine junge Kollegin oder ein junger Kollege in die Allgemeinmedizin geht oder nicht, kann zum Großteil von einer gelungenen und lehrreichen Lehrpraxiszeit abhängen. Hier müssen wir unsere Verantwortung sehen und annehmen. Schließlich geht’s um die Zukunft aller – der Patientinnen und Patienten, aber auch der Kolleginnen und Kollegen. Daher steht für mich fest: Ohne Lehrpraxen gibt es keine Ärztinnen und Ärzte von morgen.