Gaming, Handy und Streaming gehören für viele Kinder und Jugendliche zum Alltag. Auch viele Schulaufgaben und Lerninhalte werden heutzutage mit Computer, Tablet oder Handy bearbeitet. Problematisch ist nicht das Computerspiel allein. Entscheidend ist, wie viel Zeit in Summe vor dem Bildschirm verbracht wird. Durch hohe Bildschirmzeiten kann die Zeit für Bewegung, andere Aktivitäten und Schlaf fehlen.
Runter von der Couch: Warum Bewegung für Kinder so wichtig ist
Nach der Schule noch eine Runde zocken, ein Video anschauen oder mit Freund*innen online spielen? Das gehört für viele Kinder zum Alltag. Das führt dazu, dass viele Kinder und Jugendliche täglich mehrere Stunden vor dem Bildschirm verbringen. Die HBSC-Studie aus dem Jahr 2022, die sich mit dem Gesundheitsverhalten österreichischer Kinder und Jugendlicher beschäftigte, zeigte, dass bereits in der 7. Schulstufe mehr als die Hälfte der Kinder täglich mehr als 3-4 Stunden vor dem Handy verbringt, wobei die Handyzeit mit dem Alter weiter ansteigt. In der 9. Schulstufe sind es schon rund 80 Prozent der Jugendlichen.
Wer allerdings viel Zeit im Sitzen verbringt, hat weniger Gelegenheit, sich zu bewegen. Das zeigt ebenso die HBSC-Studie, wo erfasst wurde, dass Jugendliche in der 9. Schulstufe nur noch an rund 4 Tagen pro Woche mehr als 60 Minuten körperlich aktiv sind.
Kinder und Jugendliche verbringen also häufig mehr Zeit vor dem Bildschirm als mit Bewegung. Das kann sich auch ungünstig auf die Entwicklung des Körpergewichtes auswirken, wobei das Körpergewicht eines Kindes von vielen Faktoren beeinflusst wird – neben Bewegung etwa von Ernährung, Schlaf, familiären Gewohnheiten und individuellen Voraussetzungen.
Macht Gaming bei Kindern Übergewicht?
Nicht automatisch. Ein Computerspiel allein entscheidet nicht darüber, ob ein Kind Übergewicht entwickelt. Viel Zeit im Sitzen und wenig Bewegung können aber dazu beitragen.
Deshalb lohnt sich der Blick auf den gesamten Alltag und den Lebensstil:
- Bewegt sich mein Kind regelmäßig?
- Gibt es ausgewogene Mahlzeiten?
- Wie viel Zeit zum Spielen, Sport, für Freunde und für Freizeitaktivitäten hat mein Kind neben der Schule? Und wie viel von dieser Freizeit wird mit Bewegung und wie viel Zeit davon wird mit Smartphone, Tablet und Gaming vor dem Bildschirm verbracht?
- Hat mein Kind ausreichend erholsamen Schlaf, um Energie für einen bewegungsreichen Alltag zu tanken?
Erholsamer Schlaf ist bedeutsam für eine gesunde Entwicklung: vor dem Einschlafen ist deshalb bildschirmfreie Zeit wichtig. Handys und Konsolen haben deshalb abends im Kinderzimmer nichts zu suchen.
Empfohlene Bildschirmzeiten für Kinder:
- 0-3 Jahre: am besten keine Bildschirmzeit, digitale Medien sollen nur ausnahmsweise genützt werden
- 3-5 Jahre: maximal 30 Minuten Bildschirmzeit pro Tag – jedoch mit mehreren bildschirmfreien Tagen pro Woche
- 6-11 Jahre: maximal 60 Minuten Bildschirmzeit pro Tag – darauf achten, dass dabei pro Tag insgesamt mehr Zeit mit Bewegung und aktiver Freizeit als vor dem Bildschirm verbracht wird.
- 12-18 Jahre: mit zunehmendem Alter sollen Jugendliche lernen, selbst Verantwortung zu übernehmen. Grenzen durch Eltern und Erziehungsberechtigte können aber dabei helfen, diese Selbstverantwortung zu entwickeln. Die Bildschirmzeit sollte in dieser Altersgruppe am besten unter 2 Stunden pro Tag liegen, wobei auch hier beachtet werden soll, dass insgesamt mehr Zeit mit Bewegung und aktiver Freizeit als vor dem Bildschirm verbracht wird.
“Gaming und Zeit vor dem Bildschirm gehören für viele Kinder und Jugendliche heute zum Alltag. Entscheidend jedoch ist nicht das einzelne Computerspiel. Für ein gesundes Aufwachsen sollten in der Freizeit Bewegung, Zeit für Freunde und für kreative Aktivitäten immer an erster Stelle stehen.
”
Dr.in Gabriele Berger, Kinderärztin bei der ÖGK
Warum ist Bewegung so wichtig?
Regelmäßige Bewegung ist eine natürliche Maßnahme, die ein wirksamer Schutz vor Übergewicht ist, auf zahlreiche Bereiche der Gesundheit positiv auswirkt und zu einer gesunden Entwicklung von Kindern beiträgt.
Kaum eine andere einzelne Maßnahme entfaltet gleichzeitig so vielfältige gesundheitsfördernde Effekte: Regelmäßige Bewegung stärkt Herz, Kreislauf, Muskeln und Knochen, verbessert den Stoffwechsel, verringert die Insulinresistenz, unterstützt das Immunsystem und wirkt positiv auf die psychische Gesundheit. Sie hilft, Übergewicht vorzubeugen, und senkt langfristig das Risiko für zahlreiche chronische Erkrankungen. Gerade bei Kindern unterstützt Bewegung zusätzlich die Entwicklung des Gehirns, die Konzentrationsfähigkeit und das soziale Lernen. Das Besondere: Regelmäßige Bewegung stärkt das Selbstbewusstsein, wirkt ganzheitlich, ist nahezu überall möglich und macht Spaß. Damit zählt sie zu den wirksamsten Maßnahmen für ein gesundes Aufwachsen.
Wie viel Bewegung brauchen Kinder?
Kinder haben einen natürlichen Bewegungsdrang – und diesen sollten sie entwickeln und ausleben können. Folgendes Ausmaß körperlicher Aktivitäten wird empfohlen:
Kinder im Kindergartenalter
- Täglich mindestens drei Stunden
- Mindestens 60 Minuten davon mit mittlerer-höherer Anstrengung
Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 18 Jahren
- Täglich mindestens 60 Minuten mit mittlerer bis höherer Anstrengung
- 3-mal pro Woche Aktivitäten, die Muskeln und Knochen stärken
mindestens
Minuten
pro Tag
mittlerer bis höherer Anstrengung
Sportangebote in einem Verein oder auch über die Schule können oft positiv motivieren, da eine Aktivität gemeinsam in der Gruppe mit anderen Kindern meist noch mehr Spaß macht.
Aber es braucht nicht unbedingt immer einen Sportkurs. Toben, Fangen spielen, Radfahren, Rollerfahren, Tanzen, Schwimmen oder der Weg zu Fuß zählen genauso.
Bei der Auswahl der Aktivität ist wichtig: Die Bewegung soll Spaß machen und zum Kind passen.
Um ein wohnortnahes Bewegungsangebot für Kinder und Jugendliche – aber auch für Eltern – zu finden, kann die Suchseite von FitSportAustria helfen. Auch beim Angebot „Bewegt im Park“ der ÖGK können Jugendliche und ihre Eltern in den Sommermonaten wohnortnahe kostenlose Bewegungsangebote nützen.
5 Tipps für mehr Bewegung im Alltag
- Möglichst viele Wege aktiv zurücklegen: zu Fuß, mit dem Rad oder Roller.
- Sitzzeiten unterbrechen: bei der Hausübung oder der Bildschirmzeit zwischendurch aufstehen und bewegen.
- Kinder bei der Auswahl des Bewegungsprogrammes (mit)entscheiden lassen: Fußball, Tanzen, Klettern oder Radfahren – das, was Spaß macht, wird eher zur Gewohnheit.
- Gemeinsam rausgehen: auf der Wiese gemeinsam Toben und Ballspielen. Spielplatz, Park, Wald oder Schwimmbad bringen die ganze Familie in Bewegung.
- Bewegung spielerisch in den gewöhnlichen Alltag einplanen: Haben Sie gewusst, dass Ihr Treppenhaus ein Fitness-Raum ist? Beim Treppensteigen oder Treppenspringen steigern Kinder und Eltern täglich ihre Fitness. Auch der Fußweg zur Schule und der Weg mit dem Müll nach draußen zur Mülltonne kann mit ein paar Sprüngen oder Sprints zum kleinen Fitness-Highlight werden. Und selbst das Zähneputzen morgens und abends kann mit flotten Kniebeugen zur effektiven Fitness-Einheit erweitert werden.
Tipp: Gerade in den Ferien darf auch einmal länger gezockt oder eine Serie geschaut werden. Entscheidend ist der Ausgleich. Nicht jede Bewegung muss ein klassischer Sport sein – auch viele kleine aktive bewegte Momente über den Tag verteilt zählen zur Bewegungszeit.
Übergewicht ist schon im Volksschulalter ein Thema
Die österreichische COSI-Erhebung 2022/23 zeigt: In der dritten Schulstufe sind nach WHO-Kriterien bereits rund jeder dritte Bub und jedes vierte Mädchen von Übergewicht oder Adipositas betroffen.
Auch aktuelle Zahlen der ÖGK zeigen, wie wichtig das Thema ist: 2025 wurde bei 1.415 ÖGK-versicherten Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren eine Adipositasdiagnose dokumentiert. 2023 waren es noch 775. Das bedeutet, die dokumentierten Adipositasdiagnosen haben sich innerhalb von zwei Jahren verdoppelt. Die Zahl bezieht sich auf dokumentierte Fälle, die Dunkelziffer der tatsächlich Erkrankten ist höher.
Adipositas ist dabei nicht einfach eine Frage von zu wenig Bewegung oder zu viel Essen. Sie ist eine chronische Erkrankung, bei deren Entstehung unterschiedliche Faktoren zusammenspielen.
Nicht abwarten! Warum frühes Hinschauen wichtig ist
Adipositas bei Kindern muss sehr ernst genommen werden. Es handelt sich dabei nicht um ein kosmetisches Problem, sondern um eine chronische Erkrankung, die auch entsprechend und konsequent behandelt werden muss.
Adipositas im Kindesalter kann langfristige gesundheitliche Folgen haben. Sie erhöht das Risiko für Begleit- und Folgeerkrankungen wie Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Fettleber oder Typ-2-Diabetes. Auch der Bewegungsapparat kann betroffen sein, hinzu kommen mögliche psychische Belastungen.
Außerdem „wächst sich“ Adipositas meist nicht einfach „aus“: Rund 80 Prozent 1) der betroffenen Kinder und Jugendlichen sind später auch im Erwachsenenalter von Adipositas betroffen.
Umso wichtiger ist es, früh hinzuschauen – ohne Druck und ohne Schuldzuweisungen. Kinder befinden sich im Wachstum. Ihr Gewicht wird deshalb nicht nach denselben Maßstäben beurteilt wie das von Erwachsenen. Alter, Geschlecht und Wachstumsverlauf spielen bei der medizinischen Einschätzung eine wichtige Rolle.
Wer unsicher ist, ob sich das Gewicht des eigenen Kindes gesund entwickelt, kann sich an die Kinderärztin oder den Kinderarzt wenden. Eltern sollten ihre Kinder keinen radikalen Diäten oder strengen Abnehmprogrammen auf eigene Faust unterziehen. Auf einen gesunden Lebensstil mit gesunder Ernährung und ausreichend Bewegung zu achten, ist ein wichtiger Schritt, für den Familien medizinische Unterstützung in Anspruch nehmen können.
1) Ward ZJ, Long MW, Resch SC, Giles CM, Cradock AL, Gortmaker SL. Simulation of Growth Trajectories of Childhood Obesity into Adulthood. N Engl J Med. 2017 Nov 30;377(22):2145-2153. doi: 10.1056/NEJMoa1703860. PMID: 29171811; PMCID: PMC9036858.
Die ÖGK unterstützt Familien
Gesunde Gewohnheiten entstehen nicht von heute auf morgen. Die ÖGK unterstützt Kinder und ihre Familien dabei, Bewegung, Ernährung und einen gesunden Lebensstil langfristig in den Alltag zu integrieren.
easykids – weniger Gewicht, mehr Power!
Die kostenfreien ÖGK-Gruppenprogramme easykids und easykids fix richten sich an Familien von Kindern mit Übergewicht im Alter von sechs bis 14 Jahren. Im Mittelpunkt stehen alltagstaugliche Veränderungen, ausgewogene Ernährung, mehr Bewegung und die Stärkung des Selbstbewusstseins. Eltern beziehungsweise enge Bezugspersonen werden aktiv einbezogen.
Von 2024 bis einschließlich des ersten Halbjahres 2026 wurden in den beiden Programmen insgesamt 107 Kurse mit 1.051 Teilnahmen von Kindern beziehungsweise Familien durchgeführt.
easykids dauert als Intensivprogramm rund zwölf Monate, easykids fix als Kompaktprogramm rund vier Monate.
Bei Bewegung gilt: Jede aktive Minute zählt.